TEK - Leseprobe

Um 7 Uhr polterte und rumpelte es in der Werkstatt, als zerlege der Meister eine Windturbine in ihre Einzelteile. Was er ja manchmal tat. Aber selten um 7 Uhr morgens.

Immerhin hustete er nicht mehr.

Es blieben zwei Stunden ehe der Meister abreisen musste. Diese Zeit nutzte er aber nicht, sich auf die Reise vorzubereiten, seine Unterlagen zusammenzusuchen oder in Ruhe zu frühstücken. Er notierte Details einer Idee von der er geträumt hatte: vakuumisolierte Allwetter-Gummistiefel, und der Roboter fragte sich, was für eine Art Traum das gewesen sein musste.

Die Vorstellung einer Idee faszinierte den kleinen Roboter: Wie sich da aus dem Nichts ein völlig zum-ersten-Mal-gedachter Gedanke formte; eine wahrlich originäre Inspiration!, nicht aus einer Datenbank gefischt oder aus programmierten Routinen abgeleitet. Ein revolutionäres, sich selbst überschlagendes Visionieren, das an der Grenze alles bisher Formulierten und Begriffenen mit einer Blase in unbeschrittenes Neuland hinausblubberte. Eine Idee schien dem kleinen Roboter wie ein eigener vollkommen reiner Ur-Stoff, das kreative Element, das sich irgendwo an einem unergründlichen Ort auf den Weg machte und gestaltlos, brummend und seifenblasengleich durch die Weite waberte, in einen willigen Kopf hineindiffundierte und dort — tadaa! — einen Funken schlug, und sich wortreich, bunt, bildhaft und plastisch entlud.

Hochreines Ideesium.

Faszinierend.

So sehr sogar, dass der kleine Roboter einmal mehr darüber ins Träumen geraten war.

Der Meister brüllte ihm unterdessen ständig neue Aufgaben zu, die er entweder jetzt sofort! oder ist doch völlig egal wann! zu erledigen hatte.

Wenn der Meister nichts brüllte, hob der Roboter das schwere Dampfbügeleisen herum und bügelte, legte Hemden und Pullover zusammen, hievte mit viel Geduld den großen grauen Reisekoffer auf das Bett und packte Unterwäsche und Wollsocken ein, dazu den Kulturbeutel mit Zahnbürste, Rasierapparat und Kamm, und danach packte er den kleineren Handkoffer so voll er konnte: mit Kopfschmerztabletten, Fieberthermometer, Wärmflasche, Asthmainhalator, Lutschpastillen, Schleimlöser, Migränetabletten, Natronpulver, Wund- und Heilsalbe, Vitaminbrause, Magenkapseln, und ein Dutzend weiterer Fläschchen, Döschen und Schächtelchen mit Medikamenten gegen Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Müdigkeit; dazu den Hustensaft, von dem kaum ein halbes Fläschchen übrig geblieben war — und sicherheitshalber noch ein Fläschchen Branntwein.

Der Erfindermeister war hager, er war oft griesgrämig und noch öfter war er krank. Verwirrend fand der kleine Roboter das und irgendwie unnötig kompliziert: Wenn ihm selbst etwas fehlte, konnte er Schrauben nachziehen und Bauteile auswechseln, Dellen ausschlagen und Kratzer wegpolieren. Der Meister aber hatte ständig etwas, Husten oder Fieber, meistens beides, und auf Reisen erst recht. Und man konnte eben nicht einfach ein Bauteil auswechseln oder das Fieber wegpolieren. Vielleicht war er manchmal deswegen so griesgrämig?

»Wie spät?«, rief der Meister.

Der kleine Roboter schreckte auf.

+request.sys-info:t(!);

Es war siebzehn Sekunden ehe sein Alarm ihn erinnert hätte, den Meister an die Abreise zu erinnern. Siebzehn Sekunden.

»Es ist 9.21 Uhr, Meister«, rief der Roboter. »Sie müssen sich jetzt auf den Weg zum Flughafen machen!«

»Ach? Wie praktisch, dass ich selber dran gedacht habe.«

Der kleine Roboter schlug seinen Schädel gegen den Koffer, dass es eine Delle auf seiner Stirn hinterließ. Dann klingelte hämisch sein Alarm:

p.alert {
+f.type=reminder;
+subtype=depart;
+p.status:urgent;
}

Der Meister wuchtete die Koffer in den Kofferraum und nahm auf dem Fahrersitz Platz, und trotzdem diktierte er weiter; dass die Gummistiefel zwecks Elastizität einen geringeren Polyethylen-Anteil enthalten sollten, und dass es sie auch in rot und blau geben sollte. Unbedingt notieren. Dann noch irgendwas Unverständliches mit »Textil...« (der Meister hatte gleichzeitig die Fahrertür zugeschlagen, dann das Fenster heruntergelassen), weil: alles andere wäre ja vollkommen idiotisch. Dann fuhr er ab — und es war zum ersten Mal seit langer Zeit so still, dass der kleine Roboter den Prozessorkühler in seinem Kopf summen hörte.

So leise war es.

Kapitel 2

I.

Textil-irgendwas... auch rot und blau... notierte der kleine Roboter. Auf dem Werkstattboden lagen hunderte Papierfetzen, kariert und liniert, zerknüllt und wieder geglättet. Der Erfindermeister musste eine Stunde oder länger pausenlos gekritzelt haben. Zeichnungen von Gummistiefeln, Detailansichten von Ventilen, und Sturzbäche an Berechnungen, die über die diversen Papiere rieselten und nur mit Mühe nachzuvollziehen waren. Sorgsam sammelte der Roboter alle Aufzeichnungen und fügte sie zu einem bedingt logischen Gesamtbild zusammen. Anstrengend war das, und erforderte eine enorme Rechenleistung: Im Ganzen dauerte es beinahe vier Sekunden. Der Roboter konnte sich nicht erinnern, dass der Meister jemals derartige Erstnotizen noch einmal angesehen hätte. Entweder hatte er seine Ideen im Kopf längst weiterentwickelt und schimpfte über die Anfänge als infantil und hirntot (und tat dann gerade so, als hätte der kleine Roboter sie sich ausgedacht). Meist aber hatte der Meister zwischenzeitlich schlichtweg eine neue Idee, die so viel vielversprechender war — und interessierte sich jedenfalls für die ursprüngliche Idee nicht mehr.

Am Fuß der Werkbank, unter einem Haufen gelber Papiere, stieß der kleine Roboter auf den Schlüsselbund des Meisters.

Gar nicht gut.

»Meister!?«, rief er und rannte zur Garage. Vergebens, natürlich. Der Meister war längst abgefahren. Trotzdem stürmte der Roboter jetzt los, und kletterte und hangelte sich die schulterhohen Stufen hinauf. Er fegte durchs Wohnzimmer, die immer engere Wendeltreppe hinauf, an der Schlafzimmeretage vorbei bis ganz oben in den Turm, zu den bronzenen Wetterinstrumenten und dem mannshohen 24 Zoll Carbon Refraktor Teleskop.

In den Tagen, als er zum ersten Mal eingeschaltet worden war und alle Bauteile an ihm noch neu waren, hatte der Meister ihn nachts in den Wendelturm mitgenommen und ihm auch das Teleskop gezeigt. Sie hatten den Sternenhimmel betrachtet, und sogar einen Planeten, der ein bisschen aussah wie eine Buntglasmurmel. Der Jupiter war das. Und murmelgroß war er nicht, sondern viele Male größer als die Erde. Riesengroß also. Unvorstellbar groß. In den Tagen nach dem ersten Einschalten hatte der Erfindermeister dem Roboter überhaupt das ganze Haus gezeigt, und alles, was es darin zu sehen und zu wissen gab.

Der Roboter hangelte sich auf das Fensterbrett und sah aus dem Fenster, sah die leere Straße, dahinter der Wald, tausende Bäume, dann noch mehr Wald und darüber wolkiger Himmel, und irgendwo, ganz weit hinter dem Wald, fast schon am Horizont wieder die leere Straße. Irgendwann blitzte der Mercedes des Meisters silbergrau und winzig zwischen den Bäumen hervor und rollte leise und unaufhaltsam ins Tal. Der Roboter konnte dem Wagen noch eine Weile nachsehen, wie er auf der Landstraße in Richtung Stadt fuhr und schließlich verschwand.

Am Schlüsselbund des Meisters, sauste es dem kleinen Roboter durch den Kopf, außer den zwölf belanglosen Schlüsseln zum Kraftwerk, zum Materiallager, zum Sicherungskasten in der Garage und so weiter, neben all diesen Schlüsseln, für die der Roboter passgenaue Kopien im rechten Unterarm hatte, war auch der Schlüssel, den der Roboter nicht hatte: der zum großen Werkschrank, zur untersten Schublade, in dem das schwarze Buch versteckt war, in das der Roboter niemals hineinsehen durfte. Niemals!


II.

Der Roboter kletterte auf das verwinkelte Dach und zog einen wuchtigen Eimer mit Seifenwasser hinter sich herauf. Rings um das Kraftwerksgelände waren nur Wiesen und Acker, die nächsten Bäume hunderte Meter entfernt. Trotzdem macht sich der Herbstwind einen Spaß daraus, trockenes Laub in die besonders unzugänglichen Winkel auf dem Dach zu blasen. Ein Windstoß schlug gegen seinen Panzer und wehte ihn beinahe über die Regenrinne, wo dann ein Sturz von guten neun Metern auf ihn gewartet hätte. Wie angewurzelt blieb der Roboter stehen. Er betrachtete faserige, graue Wolken, die der Wind über dem Kraftwerk quer über den Himmel fegte, und kniete sich fortan lieber hin und zog kriechend den Putzeimer hinter sich her.

Das Kraftwerk des Meister war monströs, teils aus Stahl gebaut, teils aus Beton und roten Backsteinen, mit gebrannten Dachziegeln und Holzschindeln, ein paar Platten aus Tonschiefer und ein paar Teile Wellblech, und dann noch ein seltsames schwarzes Material, von dem eigentlich niemand wusste, was das war. Vielleicht Mondgestein.

Auf dem Dach ragten kleine Türmchen und Auswüchse heraus, Unebenheiten und seltsame Giebel, und einen riesigen Schornstein gab es auch. Wenn man das Gebäude vom Kraftwerksgelände aus betrachtete, hatte es überall Ecken und Kanten, und es sah aus wie zusammengeflickt, mit eckigen Fenstern, und auch einigen runden. Ein bisschen sah es aus wie eine Krake und ein bisschen auch wie ein U-Boot. Eine Garage hatte es auch, weil es eben auch ein Haus war. Ein merkwürdiges Zuhause. Und zudem, vielleicht weil es so merkwürdig war, hatte der Meister es so weit weg von der Stadt gebaut, dass man diese nur bei gutem Wetter und ganz klein am Horizont erahnen konnte.

Das Dach putzen. Eine mühselige Arbeit: Die Schindeln waren verwittert und mit Moos überwuchert. Um Strom zu sparen, hatte der Roboter alle anderen Prozesse beendet, so dass sein Erleben nur noch aus Schrubben, Fegen, Mooskratzen, Laubsammeln und auf den Schindeln Kriechen bestand. Plackerei. Aber das war gut: Er konnte an nichts denken — an sein Stottern nicht, an seine Schwerhörigkeit nicht, und am allerwenigsten an den Schlüsselbund.

Er kroch in jeden Winkel, von allen Ecken und Nischen auf alle Zwischenetagen und Ausläufer, und von den höchsten Erhebungen bis an alle Regenrinnenränder. Einmal jede halbe Stunde zog er einen frischen Eimer warmes Seifenwasser hinauf. Irgendwann bemerkte er dann, dass die Sonne rot über dem Horizont stand; dass es kalt geworden war, und dass ein frecher Wind erneut gelbbraunes Laub auf das frisch geputzte Dach wehte.

Für einen Moment blickte der Roboter in die Sonne: wie schön alles in diesen letzten Minuten des Tages aussah. Lebhaft. Friedvoll. Sehr erfreulich, dass er seit der Abreise des Meisters so viel geschafft und so wenig an den Schlüsselbund gedacht hatte. Und an das schwarze Buch in der Schublade auch nicht.

Schlapp leerte der kleine Roboter das restliche Seifenwasser in die Regenrinne, die glänzte und von allem Moos und Schmutz und Herbstlaub befreit war. Seine Arbeit war getan, und ein bisschen wünschte er sich, der Erfindermeister würde aus dem Fenster im Wendelturm sehen und ihn dafür loben. Er könnte auch schimpfen oder tadeln, was wahrscheinlicher wäre, wenn er es denn wenigstens sehen würde.

Die größte Sorge des Roboters blieb nun, wie er ohne einen weiteren Gedanken an den Schlüsselbund in den Keller gelangen und sich dort einfach zum Laden anstecken und auf den nächsten Morgen warten konnte.

Vom Dach des Erfinderhauses hingen unzählige Stromleitungen, Schläuche und Drähte herab, fast so als sei das Haus in einem riesigen Fischernetz gefangen. An diesen Leitungen seilte sich der Roboter samt Putzeimer ab ins Erdgeschoss. Der Wind pfiff ihm um die Sensoren, so schnell schoss er in die Tiefe, der Eimer klapperte und schlug im Wind und mit einem lauten Rumms landete der Roboter — der für seine geringe Größe doch beachtlich schwer war — auf dem Fensterbrett vor der Werkstatt.

Drin war alles unheimlich und leblos, wenn der Meister nicht zuhause war. Alles wirkte dann gruseliger und größer, und sogar noch gruseliger, wenn man von draußen durch das Fenster hinein sah, in die dunklen Ecken. Der kleine Roboter legte seine Hände um seine Objektive, lehnte sich ans Fenster und lugte hinein. Wie ein Einbrecher, dachte er, und schauderte.

Am Fuß der Werkbank lag noch immer der Schlüsselbund. Der verzierte Bronzeschlüssel, der zum Werkschrank aus Buchenholz gehörte, glänzte sonderbar, schlug den Roboter in seinen Bann und zog ihn an wie ein Magnet.

»Nein, lieber nicht«, sagte der kleine Roboter. Er sprang vom Fensterbrett und rannte mit dem Eimer durch den Garten und zum Hintereingang, in möglichst großem Bogen um die Werkstatt herum. Er flitzte in den Keller und sortierte und kramte siebeneinhalb Stunden lang in den Materiallagern C, D, und E2, bis seine Batterie so wunderbar schwach geworden war, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Zufrieden kletterte er in sein Regal und steckte sich zum Laden an.

Erst jetzt, eisig und mit dünnen Fingern, kroch die Stille des ganzen Hauses über seinen Rückenpanzer. So still, wie es noch nie still gewesen war. Und es war etwas Beunruhigendes an diesem Gedanken: in diesem monströsen Haus ganz alleine zu sein...

War der Meister zuhause, konnte man ihn schnarchen hören, wenn er gesund war; und wenn er krank war, was er meistens war, schniefte und hustete und keuchte es im Haus, was irgendwie beruhigend war. Der Roboter fühlte sich kleiner als sonst. Der Strom dröhnte im Ladekabel, und selbst die kaum hörbaren Schaltgeräusche seiner Nackenhydraulik erschreckten ihn bei jeder Bewegung.

Dabei musste er doch schon öfter alleine zuhause gewesen sein, oder nicht? Der Meister war bereits einige Male auf Reisen und Kongressen gewesen. Aber erinnern konnte sich der Roboter daran nicht.

Und er wünschte sich ja durchaus nicht selten, dass der Meister einmal nicht zuhause wäre! Daran erinnerte er sich nämlich sehr wohl: Manchmal, wenn er mehrere Tage ohne Pause durchgearbeitet hatte, wünschte er sich, er könnte einfach im Regal sitzen, ohne die Nacht hindurch noch etwas programmieren, ohne sich bis zum nächsten Morgen reinigen oder reparieren zu müssen, Sensoren kalibrieren, Dokumente für den Meister scannen, Ersatzteile katalogisieren, Werkzeuge reinigen... Nur manchmal, ganz selten, wenn der Meister besonders laut und tief schnarchte, lauschte der Roboter vorsichtig, legte leise alle Arbeit beiseite, und holte dann aus der Bücherkiste hinter dem alten Schreibtisch Die Schatzinsel hervor. Das Buch hatte er zwischen Büchern über Mathematik, Maschinenbau, Informatik, Quantenphysik, Elektrotechnik, Chemie, Chirurgie, Medizin, Hämatologie, Pharmazie und unzähligen Krankheitslexika gefunden. Das einzige Buch im ganzen Haus mit einer Geschichte — und er mochte diese Geschichte. Weil sie so fremd war, und so ganz anders als das Leben im Erfinderhaus. Aufregend. Abenteuerlich.

Das ganze Buch würde er jetzt lesen können. Ohne Pause; ohne Angst, dabei erwischt zu werden.

Oder eben... warum auch nicht und der Meister würde es ja nie erfahren... das verbotene Buch lesen!

Kurzentschlossen befand der kleine Roboter, dass er dieser Versuchung jetzt den ganzen Tag so erfolgreich widerstanden und sich so vorbildlich und so lange abgelenkt und anderweitig beschäftigt hatte, dass er sich nun genau damit belohnen würde.


III.

Das schwarze Buch war so groß, dass es gerade in die Schublade hineinpasste (oder aber die Schublade war gerade so groß, dass das Buch hineinpasste; schwer zu sagen, eigentlich). Der kleine Roboter hob es behutsam heraus — und da entdeckte er, dass noch etwas anderes darin lag: Zwei goldene Ringe gleich vorne in der rechten Ecke, ein größerer, ein kleinerer, die ebenfalls genau ineinander passten. Eine dumpfe Vibration rumorte in seinen Kabeln, keine echte physische Vibration, eher eine eingebildete, und trotzdem fühlte der kleine Roboter sich ganz flau und unwohl. Er hatte diese Ringe schon einmal gesehen, schon einmal entdeckt, irgendwo. Aber wo, wann?

Vorsichtig legte er das Buch beiseite, nahm die goldenen Ringe und betrachtete sie. Glatte Ringe aus 999er Feingold, in die Namen eingraviert waren. Theo und Eleonora. Und komisch war das und Sinn ergab es auch keinen: Denn ausgerechnet im kleineren Ring stand Theo, und damit musste wohl der Erfindermeister gemeint sein, denn der hieß Dr. Dr. Theobald Sangrinius von Wackersplotz. Der kleine Ring konnte ihm aber gar nicht passen an seinen verwachsenen Fingern. Und der größere hätte dem Meister vielleicht gepasst, aber darin war ja ein anderer Name eingraviert, Eleonora, ein schöner Name eigentlich, aber so hieß er ja nicht. Der kleine Roboter hatte nicht die leiseste Ahnung, und schlimmer noch: fragen würde er den Meister ebenfalls nicht können; durfte er auch auf keinen Fall! Denn offenbar hatte er diese Ringe schon einmal gefunden, und der Meister musste ganz wütend geworden sein; so wütend, dass er dem kleinen Roboter alle Erinnerung daran gelöscht hatte.

Ängstlich legte der kleine Roboter die sonderbaren Ringe zurück, schön ineinander, wie sie gelegen hatten. Sein Blick fiel auf das Buch. Auch das sollte er schnellstens zurücklegen, fand er, jetzt sofort, ehe er noch...

Es fiel dem kleinen Roboter schwer, sich noch zu bewegen. Er schämte sich. Wollte es auch gar nicht, eigentlich: ins verbotene Buch blicken. Aber da war es ganz versehentlich schon passiert.

Das schwarze Buch war unhandlich. Ein DIN A3 Skizzenbuch mit einem Einband aus fester Kartonage; sehr schwer; geleimt, nicht geheftet; ein teures, wertvolles streng geheimes Buch, und so großformatig, dass der kleine Roboter jedes Mal drei Schritte von rechts nach links laufen musste, um eine Seite umzuschlagen, und dann einen Schritt zurücktreten, um sie zu studieren. Die ersten Seiten bestanden aus groben Kritzeleien; Skizzen von Schaltkreisen und Mechaniken, provisorische Materiallisten: Transistoren, Transformatoren, Widerstände, Scharniere und Dioden. Es wimmelte an Zahlen, chaotischen Berechnungen, und fast alles, was auf diesen ersten Seiten zu lesen war, war durch Anmerkungen ergänzt, überkritzelt oder durchgestrichen.

Dem kleinen Roboter brummte der Prozessor. Seine Finger surrten und zitterten, und er spürte die finstere Werkstatt groß und unheimlich in seinem Rücken. Er schaltete seine Glühbirnen ein — zwei, wo der Erfindermeister seine Ohren hatte, eine dritte mittig auf dem Kopf — und wagte es nicht, sich umzudrehen. Die Seiten blendeten ihn, so hell und goldfarben warfen sie das Licht seiner Glühbirnen zurück. Die Bleistift- und Kugelschreiber-Skizzen des Buchs leuchteten wie magische Hieroglyphen in der Dunkelheit auf. Wie unverständlich und zusammenhangslos diese Aufzeichnungen auch schienen (zu hunderten hatte der Erfindermeister derartige Schmierzettel in den Müll geworfen), der Roboter spürte, wie ein mysteriöses Kribbeln durch seine Drähte summte. Weshalb sollte dieses Buch so streng geheim sein? Erfindungen; weitere Erfindungen? Was glaubte der Meister? Dass sein eigener Roboter ihn ausspionieren würde? Der Roboter amüsierte sich über den Gedanken. Er überblätterte einige Seiten. Zahlen und Kritzeleien. Nein, nein: Streng geheime Zahlen und Kritzeleien!

Dann ließ ihn etwas innehalten. Eine unheilvolle Ahnung, was die Skizzen und Zahlenreihen, die Berechnungen und Schaltkreise zu bedeuten hatten. Er wollte sich nichts dabei denken. Zögerlich blätterte er weiter — und es war, als hätte er ein neues Buch aufgeschlagen: Die Handschrift, die Zeichnungen, alles schien wie ausgewechselt, von Ordnung und Klarheit erfüllt.

Es war der Augenblick, in dem der Roboter sich wünschte, er wäre einfach sitzengeblieben, hätte weitergeladen und sich auf Standby geschaltet.

Vielleicht war es noch nicht zu spät, das Buch zurückzulegen und einfach so zu tun, als...

»Oh nein«, murmelte der Roboter, denn erneut hatte er umgeblättert und nun erstarrte er: Auf der Doppelseite vor ihm eröffnete sich ein Konstruktionsplan mit detaillierten Anmerkungen, Beschriftungen und Dimensionierungen — eine maßstabsgetreue Darstellung des kleinen Roboters.

»Technischer Assistenz- und Arbeitsroboter, Version 1.01«.

Datiert vor sieben Jahren.

Zwei Jahre ehe er zum ersten Mal eingeschaltet worden war.

Der kleine Roboter trat zwei Schritte zurück, dann einen weiteren, und starrte auf den maßstäblichen Plan, und starrte so lange, bis Schrift und Zahlen vor seinen Augen verschwammen. Seinem eigenen Konstruktionsplan in Lebensgröße gegenüberzustehen — ein beklemmendes Gefühl. Natürlich war er ein Roboter, eine Erfindung seines Meisters! Das war ihm stets bewusst gewesen. Aber erst mit diesen Notizen verstand er, was das bedeutete: Jede Schraube, jede Windung, jede Schweißnaht, jedes einzelne, noch so winzige, noch so unscheinbare hydraulische Element; die Lüftungsschlitze in seinem Brustpanzer, die ausgefeilte Federung und Gelenkigkeit seiner Ellbogenkonstruktion, seiner Kniegelenke — das alles hatte der Meister sich überlegt und ausgedacht, es verworfen und überarbeitet und so lange verbessert, bis er erschaffen war.

Wie betäubt blätterte der kleine Roboter weiter.

Standfüße aus rostfreiem mikrolegiertem TNC Titanstahl.

Eine mehrfach entspiegelte, stereoskopische Carl-Zeiss Zoom-Optik mit 16 Megapixel CMOS Sensor, 16 Bit Farbtiefe und 19,1 Blenden Dynamikumfang.

Der Roboter hatte sich nie daran gestört, »nur eine Maschine« zu sein. Aber was bedeutete dieses Buch ihm nun? Dass er nichts als eine Anordnung von Einzelteilen war?

Eine kostbare fast-charge 500 nano-force Lithium-Ionen Batterie.

Zellherr Uni-IQ Sensoren, mit eigenem Prozessorkern.

Namenlose chinesische Dioden, Drähte und Speicherkarten.

Die Osram Classic A E27 Glühbirnen auf seinem Kopf flackerten.

Zum ersten Mal erkannte der Roboter seine eigenen Gedanken nicht wieder: Weil es keine Gedanken waren, dachte er — nur Meldungen, Verarbeitungsprozesse, Automatisierungen, Erinnerungsschleifen und Reiz-Reaktions-Schemata!

Er spürte seinen Körper nicht mehr. Stattdessen spürte er das Gewicht zahlloser Einzelteile; das unaufhörliche Summen des Intuition 4470 Daemon II Multikern Prozessors; die allgegenwärtige Hi-Track Realtime-Protokoll-Datei, die alles aufzeichnete, was seine Prozesse berechneten, was seine Sensoren meldeten.

Es folgten zwei Dutzend Seiten, auf denen der Erfindermeister Änderungen, Optimierungen und Einstellungen des Software-Systems beschrieb, Hardware-Anpassungen, Design-Entwürfe, die um die feinsten Details kreisten, Klammer- und Druckhydraulik der Greiffinger, die Verschlussmechanik und wasserdichte Versiegelung der Brustklappe.

Eine Preisliste nicht zu vergessen. Wenigstens war der »Prototyp« nämlich das: ein Unikat und überhaupt nicht billig.

Der Stauraum in seinem Oberkörper hatte sich noch nie so leer angefühlt. Der kleine Roboter bewegte sich kraftlos und ungelenk, als sei seine Software von Viren zerfressen; langsam und kantig.

Er schlug das Buch zu und wusste, er hätte es nie aufschlagen dürfen. Was hielt ihn aber nun ab, das Buch einfach zurückzulegen und wegzusperren? Und zu tun, als wäre nichts gewesen? Der Roboter horchte in sich hinein. Dort nagte es. Ein Gefühl, dass da noch mehr auf ihn lauerte. Dass jedes Buch erst mit seiner letzten Seite zu Ende war. Er schlug es erneut auf.

Auf einer der letzten beschriebenen Doppelseiten eröffnete sich der Bauplan eines mindestens staubsaugergroßen neuen Robotermodells — zuletzt datiert auf den Vorabend. Ein wuchtiges, formschönes Design, funktional und ästhetisch, mit raffinierter Schulteraufhängung, die Hüftgelenke aus dreifach verstrebtem CFRP Carbon, weniger Sensorik, dafür Rechenpower, ultraschneller Speicher, ein dezentralisiertes RAID8 SSD-Network Data System anstelle einer zentralen Festplatten-Einheit (clever!), zudem (natürlich!) hypermoderne iLingua Spracherkennungs-Software — und ein Paar EDLC 3200 F Helmholtz-Doppelschicht-Kondensatoren.


IV.

Der Roboter hatte das Buch zurück zu den sonderbaren Ringen in den Werkschrank geschlossen, war in Trance in den Keller hinuntergestiegen und hatte sich zum Laden angesteckt. Blieb ihm denn eine Wahl, als so zu tun, als habe er den Schlüsselbund gar nicht bemerkt? Als habe er seine Baupläne nicht gelesen, als sei ihm nicht aufgefallen, dass der formschöne und ihm in jeder Hinsicht überlegene Nachfolger-Roboter sogar einen Namen hatte: Pioneer M2?

»Genannt, wahrscheinlich, 'Pi'«, dachte der Roboter. Er musste schmunzeln und ärgerte sich, weil er eigentlich gar nicht schmunzeln und sich lieber einfach nur ärgern wollte.

Sein Meister entwickelte einen Nachfolger. Verständlich. Folgerichtig. Absolut logisch. Schließlich hatte sich auch der Meister oft ärgern müssen. Der kleine Roboter hatte so viele Fehler gemacht. Programmfehler, Logikfehler, Rechenfehler. Dumme Fehler. Die Roboter ohne Namen machen.

Ding!

Ein heller Glockenton holte ihn aus seinen laufenden Prozessen: Eine Email des Meisters. (Drahtloses 600MBit AEther G2 Internet — das hatte der kleine Roboter sich selbst eingebaut.)

»kühlscrank abtauen alles wegschmeißen!!«,

gesendet aus Tokio in der gleichen Sekunde. Der Meister musste gelandet sein.

»Kühlskrank abtauen«, las der Roboter. »Alles wegschmeißen. Nein, nein: Alles wegschmeißen, Ausrufezeichen, Ausrufezeichen.« Wieder schmunzelte er.

Alles wegschmeißen?

Sein Blick fiel auf eine alte Schutzbrille im Regal. Wo es stockfinster war. Dass er sie überhaupt erkennen konnte: sprach doch eigentlich für seine ausgezeichnete Optik und Bildsignalverarbeitung (16 MP CMOS Sensor, 16 Bit Farbtiefe und 19,1 Blenden Dynamikumfang), oder etwa nicht? Er ließ seine Glühbirnen aufleuchten: Die Gummierung der Brille war vergilbt, von einer explosionsartigen Hitzeentwicklung verschmort und verzogen. Das musste passiert sein, bevor der Roboter zum ersten Mal eingeschaltet worden war. Oder es war eine weitere jener Erinnerungen, die der Meister ihm von der Festplatte gelöscht hatte. Seit dem ersten Ausmisten im Keller, jedenfalls — und seither jedes Mal — hatte er dem Meister vorgeschlagen, das alte Ding wegzuwerfen, und: »Die ist bestimmt noch zu was zu gebrauchen«, hatte der Meister jedes Mal gesagt.

Und das war sie: Sie brachte den kleinen Roboter auf seine erste, eigene Idee.






Leseprobe aus dem Roman TEK von Andreas Pohr
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